DIE DODEKALOGIE
Komik als autobiographischer Exzeß

Die Dodekalogie des Grauens ist eine zwölfteilige Arbeit der Gründerin des Krisenzentrums, Vanessa Stern. Sie arbeitet hierbei mit ihrem Leben und ihren Krisen, schreibt und montiert sich Text und steht auch selbst auf der Bühne. Die Dodekalogie ist ein Mammutprojekt und im gewissen Sinne therapeutisch und überfordernd. Gleichzeitig nimmt Vanessa Stern sich in der Auseinandersetzung mit den Dingen, die sie beschäftigen, Theorie zur Hand und übersetzt das Gequirlte mit einem schwindelnd hohen komischen Anspruch.
Im ersten Teil der Dodekalogie des Grauens, DIE GROSSE BEICHTE: ICH BIN DOCH KEIN NACHWACHSENDER ROHSTOFF, legte Vanessa Stern in ihrer Funktion als Nachwuchsschauspielerin NRWs 2005 die Beichte über ihr selbstverspekuliertes Nachwuchspreisgeld ab und im zweiten Teil der Dodekalogie begab sie sich auf die ABWEGE VON DER EBENEN STRASSE DES APPETITS.

Teil 2
Die ABWEGE VON DER EBENEN STRASSE DES APPETITS sind eine theatrale Ausschüttung ohne Gewinn und ohne Gnade, ein ewig letztes Abendmahl, eine Käferbohnensalatorgie und ein nachhaltiger Familienskandal. Alles wird verbraten. Wer Maß hält, ist selber schuld.

War Vanessa Stern im ersten Teil dieses autobiographischen Exzesses, Die große Beichte, noch knietief im Dispo, ist die Krise jetzt gefälligst überwunden. Es geht wieder aufwärts, allerdings nur auf der Waage. Ist Gewichtszunahme Wachstum? Ist die Ware noch ein Fetisch, wenn man sie auffrisst? Kommen Sie hungrig. Es kocht! Vanessa Stern.


Teil 1

Die Nachwuchsschauspielerin NRWs 2005 präsentiert 2010:
DIE GROSSE BEICHTE: ICH BIN DOCH KEIN NACHWACHSENDER ROHSTOFF

Die Nachwuchsschauspielerin NRWs 2005 ist verschwunden. Seit sie ihr Festengagement an den Städtischen Bühnen Köln verlassen hat, fehlt von ihrer raumfüllenden Präsenz auf deutschen Bühnen jede Spur. Dabei hatte das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland doch so große Hoffnungen in sie gesteckt. 2000 Euro wertvoller Steuergelder. Entpuppt sich diese Investition als spekulative Blase? Ist diese Frau überhaupt liquide? Und wenn ja, wer garantiert uns die Echtheit ihrer Tränen? Die große Beichte ist nur der erste Teil einer Dodekalogie des Grauens, aber wenn Sie den nicht gesehen haben, verstehen Sie den Rest erst recht nicht.

„...Ihr Körper ist von einer fast durchscheinenden Blässe. Beim Gespräch im Freien sucht sie sofort den Schatten auf. Sonne, sagt sie, vertrage sie nicht. Vielleicht ist es gerade dieses Anämische, was sie auf der Bühne zur Blutsaugerin macht, zur hemmungslosen Gefühlsvampirette. Immer wieder und in den verschiedensten Rollen scheint sie zunächst doch so zart, so scheu und verletzlich zu sein – und doch lauert da immer wieder dieser Augenblick, der alles verändert: Sie fegt mit der Hand ein paar unsichtbare Krümel vom Tisch. Der Regisseur Bob Wilson schwärmt von ihrer Schönheit. Der Fotograf Terry Richardson hat Bilder von ihr gemacht, auf denen sie aussieht wie die hübsche Schwester von Romy Schneider: blass und schön und leer, wie eine lebendige Maske, die alles erzählt und nichts verrät. Aber so wie sie zeigt, dass hinter der blassen Stirn gerade ein Leben verblüht, kriegt sie die Zuschauer. Sie zieht die Hand zu sich heran wie ein Fischer sein Netz. "Zack, so hast du sie." Göre, Girlie, Biest und Hure. Sie lacht in solchen Momenten, und ihre breiten Lippen kräuseln sich an den Mundwinkeln ein bisschen ein. Sie ist Glamour im Wollpullover, eine Diva mit politischem Gewissen. Sie ist mit dem Fahrrad gekommen, in schwarzer Jungskluft, sehr hellhäutig, sehr hellblond, sehr androgyn. Auf den ersten Blick könnte man die Einunddreißigjährige für eine Studentin halten, denn in ihrer Zartheit und Schüchternheit wirkt sie deutlich jünger, in ihrer ätherischen Erscheinung, mit den großen Augen, der Porzellanhaut, der hohen Stimme eben wie ein Kind wirken kann, doch wie sie so auf der Bühne steht, strahlt sie eine solche innere Ruhe und Lebenszuversicht und zugleich eine solche Zartheit und Verletzlichkeit aus, und man fragt sich, wie das zusammengeht. Der Blick aus wasserblauen Augen bleicher Teint, langes, rotblondes Wellenhaar und Stauneaugen so groß und rund, als würde sie ständig in Abgründe blicken. Alles nur ein klassischer Fall von Projektion? Nein: Auch wenn man der 23-Jährigen direkt gegenübersitzt, geht der Zauber, den sie auf der Leinwand so oft ausstrahlt, nicht verloren. Im Gegenteil, sie ist vielleicht sogar noch ein bisschen schöner, zarter. Eine Mischung aus Zerbrechlichkeit, Entschiedenheit und Herzlichkeit bestimmt jede ihrer Figuren, klare, sehr wache, große grüne Augen, ein beweglicher Schmollmund. Kussmund und Bleichgesicht. Sie sieht makellos aus. Wahrscheinlich ist sie auch die kleinste. Denn sie ist nicht nur die jüngste und die kleinste, sie ist - ein Mädchen. Ein süßes blondes Mädchen mit Bubikopf und rotem Pünktchenkleid verfolgt mit großen Kulleraugen, mit kindlichem Fellini-Zauber und Stauneaugen so groß und rund, so fragil und hitzegefährdet scheint sie zunächst doch so zart, so scheu und verletzlich zu sein, die Schöne, Zerbrechliche. Hinzu kommen Attribute wie milchige Haut, feine Gesichtszüge und Grandezza, die ihr die Anmut eines Zauberwesens verleihen. Spürt man dennoch ihr überirdisches Charisma, mit ihrer zierlichen Figur ist sie geradezu prädestiniert, fragile Märchengestalten wie Feen und Elfen zu verkörpern. Riesige Rehaugen, ein sinnlicher Mund und Haut wie Milch. Doch die filigrane Silhouette der Schauspielerin ist auch in der langen schwarzen Robe so zerbrechlich, dass sie auch ein Natur-Geist zur Vermählung tragen würde... "elfen"- oder "gazellenhaft, ebenso zerbrechlich wie standhaft, rehäugig sanft und doch zupackend, zart und scheu, ernst- und elfenhaft, ihre Taille hat mit 46,8 cm einen kleineren Durchmesser, als ihr Kopf mit 52,8 cm (nimm' das, Kate Moss!)“

aus: DIE GROSSE BEICHTE. ICH BIN DOCH KEIN NACHWACHSENDER ROHSTOFF (2010)

„Ja, das war alles eine Riesenscheissidee mit dem letzten Abendmahl. Mit zwölf Frauen wollte ich die Bibel neu schreiben, die Welternährung sicher stellen, aber ich kann die gar nicht finanzieren. Abgesehen davon, dass ich noch nicht mal das Casting geschafft habe. Ich erlöse hier selbstausbeuterisch und auf eigene Verantwortung. Gott Vater, siehst du wie ich schwitze hier im Mondesscheinwerferlicht? Wussten Sie, dass es in der Sprache der Schauspielerinnen zehn verschiedene Wörter für Angstschweiss gibt? Warum ich? Beziehungsweise warum noch nicht mal ich?“

aus: ABWEGE VON DER EBENEN STRASSE DES APPETITS (2011)

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